Im Gespräch mit ehemaligem Ärztekammerpräsidenten und Träger des Bundesverdienstkreuzes

Wir freuen uns, mit Prof. Dr. Günther Jonitz einen der führenden Experten für Qualitätssicherung und Patient:innensicherheit im Gesundheitswesen für ein exklusives Experteninterview gewonnen zu haben.
Prof. Dr. Günther Jonitz war über zwei Jahrzehnte Präsident der Ärztekammer Berlin sowie Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer und wurde für seine Verdienste mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz. In seinen Positionen prägte er maßgeblich die Entwicklung medizinischer Standards für Qualitätssicherung und Patient:innensicherheit im Gesundheitswesen. Er war Mitbegründer zahlreicher Initiativen, darunter das Aktionsbündnis Patient:innensicherheit und die Initiative Qualitätsmedizin. Mit seiner Expertise bereichert er unsere Blogbeitragsreihe und wir sind dankbar für seine damit verbundenen Mühen.
Wie bewerten Sie die aktuelle Situation in der ambulanten Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen?
Nach wie vor ist die Versorgung für Menschen mit psychischen Erkrankungen unzureichend und inadäquat. Dabei mangelt es nicht nur an verfügbaren Ressourcen, also bestehenden Mitteln, die sinnvoll, effizient und an der richtigen Stelle eingesetzt werden können, sondern vor allem auch an präventiven Maßnahmen, die der Entstehung, Verschlechterung und Chronifizierung solcher Erkrankungen entgegenwirken. Bedauerlicherweise erhalten die Themen Gesundheitsförderung und Prävention in unserem Gesundheitssystem und auch politisch noch nicht ausreichend Aufmerksamkeit. Inwiefern sich dies durch die neue Bundesregierung ändern wird, bleibt fraglich.
Wie ordnen Sie die Entwicklung der psychotherapeutischen Versorgung aus Patient:innen- und Behandler:innensicht ein?
Es ist eine erfreuliche und hilfreiche Entwicklung, dass die Anzahl der Kassensitze für Psychotherapeut:innen zugenommen hat. Dies hat geholfen, die Wartezeiten für bestimmte Leistungen wie den psychotherapeutischen Erstkontakt in einigen Regionen zum Teil zu reduzieren. Da sich die Anzahl der Kassensitze an deutlich veralteten Zahlen bemisst, war es ein erster Erfolg und Schritt in die richtige Richtung, dass die Zahl der Sitze erhöht wurde. Nun sollten weitere Maßnahmen folgen, die zum Beispiel eine bedarfsgerechte Verteilung der Sitze regeln.

Fotoaufnahme von Kathleen Friedrich
Wie bewerten Sie die aktuell Versorgungssituation unter Berücksichtigung Ihres langjährigen Arbeitsschwerpunktes der „Werteorientierten Patient:innenversorgung“?
Ein entscheidender und unabdingbarer Schritt in jeder Psychotherapie ist die Ermittlung von und Orientierung an individuellen Behandlungszielen für jede:n Patient:in. Dies ist in der Praxis fest verankert und nicht wegzudenken. Darüber hinausgehend wäre es jedoch wünschenswert, die Zielerreichung nicht nur zu dokumentieren, sondern übergreifend zu vergleichen. Dies ermöglicht Lerneffekte und würde somit zu einer Anpassung und Verbesserung des Therapieprozesses beitragen.
Welche Implikationen an die Politik sehen Sie als notwendig für eine bessere Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen?
Es wäre wünschenswert, dass das Thema Gesundheit - und wie zu Beginn bereits angesprochen - auch das Thema Prävention von der Politik deutlich in ihrer gesellschaftlichen und eben auch politischen Relevanz erkannt werden würden. Neben allem anderen, geht es ja auch um materielle Aspekte, die Themen wie Frühberentung, Arbeitsunfähigkeit bzw. Arbeitsfähigkeit und vieles mehr betreffen. Möglicherweise ist dies ein zugkräftiges Argument für die Politik, da diese Themen - mit Blick auf die demografische Entwicklung der Gesellschaft, Inflation und die damit zusammenhängende steigende Arbeitsbelastung - zukünftig in keiner Weise an Relevanz verlieren werden.
Welche notwendigen Implikationen an die Politik sehen Sie als notwendig für eine bessere Arbeitsbedingungen ambulanter Psychotherapeut:innen?
Die zeitlichen Vorgaben für ambulant tätige Psychotherapeut:innen sind ein Aspekt, an dem angesetzt werden sollte. Nicht selten kommt es aufgrund der vorschriftsmäßig hohen Arbeitsbelastung zum Ausstieg aus der Kassenversorgung, was in Anbetracht der grenzwertigen Versorgung konträr ist zu dem, was es bräuchte. Kommt es zu einer Überlastung der Psychotherapeut:innen selbst und somit zu einem Ausscheiden dieser aus dem Kassen- oder gar Versorgungssystem, führt dies zu einer Zuspitzung der bereits bestehenden Unterversorgung für die Patient:nnen.